Unirahmenvertrag: Der Boykott der Hochschulen ist nachvollziehbar, die VG WORT muss verhandeln.

Der Vorstand der Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft (GMW) fordert die VG Wort dazu auf, von der geplanten Einführung der Einzelerfassung zum 01.01.2017 Abstand zu nehmen und sich bereit zu erklären, gemeinsam mit den Hochschulen an einer für alle Seiten praktikablen Lösung zu arbeiten. Ziel muss es sein, die Digitalisierung in Hochschulen zu fördern und Lehrende und Studierende für diese Entwicklung zu gewinnen.

In den letzten Wochen hat sich die Auseinandersetzung um den neuen Rahmenvertrag zwischen KMK und VG Wort verschärft. Inzwischen haben zahlreiche Hochschulen und Hochschulverbände erklärt, dem Rahmenvertrag nicht beizutreten. Sie fordern die VG Wort auf, die Verhandlungen um eine praktikable Vergütungsregelung wieder aufzunehmen. Auch von studentischer Seite gibt es zunehmend Protest gegen die Verschlechterung der Zugänglichkeit von Studientexten.

Im Fokus der Auseinandersetzung steht die Einzelabrechnung von digitalen, lizenzrechtlich geschützten Textmaterialien, die für Forschung und Lehre im Rahmen der Vorgaben des § 52a UrhG („Wissenschaftsschranke“) genutzt werden. In den zurückliegenden Jahren sind diese Abgaben von den Ländern und Hochschulen mit der VG WORT, die für die Abrechnung der Tantiemen für Rechteinhaber*innen bei der Zweitverwertung von Sprachwerken zuständig ist, pauschal verrechnet worden. An Stelle der Pauschalvergütung soll nun laut einem Rahmenvertrag, den die Kultusministerkonferenz (KMK) und VG WORT im September dieses Jahres unterzeichnet haben, eine Seiten- und Teilnehmerzahl-genaue Einzelabrechnung der genutzten Online-Texte erfolgen. Ein Pilotversuch der Universität Osnabrück hatte im letzten Jahr gezeigt, dass der Aufwand für die Einzelabrechnung zu Lasten der Lehrenden und Studierenden geht. Die Verwendung der digitalen Materialien ist insgesamt erheblich zurückgegangen. Beinahe alle Hochschulen haben in den vergangenen Wochen erklärt, diesem Vertrag nicht beizutreten.

„Der Pilotversuch hat gezeigt, dass die geplante Einzelerfassung für Lehrende und für Studierende einen erheblichen Zusatzaufwand bedeutet. Die Verwendung der digitalen Materialien insgesamt ist erheblich zurückgegangen.“ so Jörg Hafer, Mitglied des Vorstands der GMW. „Diese Auswirkungen stehen im direkten Gegensatz zu den geäußerten Positionen aus Politik und Gesellschaft, die Digitalisierung der Bildung in Deutschland voranzubringen.“ äußert Hafer weiter. Der Vorstand der Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft (GMW) fordert daher die VG Wort dazu auf, von der geplanten Einführung der Einzelerfassung zum 01.01.2017 Abstand zu nehmen und sich bereit zu erklären, gemeinsam mit den Hochschulen an einer für alle Seiten praktikablen Lösung zu arbeiten. Ziel muss es sein, die Digitalisierung in Hochschulen zu fördern und Lehrende und Studierende für diese Entwicklung zu gewinnen.

Über die GMW
Die Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft (GMW) setzt sich als wissenschaftliche Fachgesellschaft für ein zeitgemäßes, bildungsfreundliches Urheberrecht ein. Sie unterstützt z.B. das Aktionsbündnis „Urheberrecht für Bildung und Wissenschaft“ und den Gedanken offener Bildungsressourcen (OER). Seit über zehn Jahren steht die GMW für die Öffnung der Wissenschaft ein, um die Potentiale der Digitalisierung für Hochschulen und formale Bildung zu erschließen.

Informationen: http://www.gmw-online.de
Ansprechperson: Jörg Hafer, joerg.hafer@uni-potsdam.de

Mehr Informationen zum oben angesprochenen Pilotversuch: https://www.virtuos.uni-osnabrueck.de/forschung/projekte/pilotprojekt_zum_52a_urhg.html

3 Gedanken zu „Unirahmenvertrag: Der Boykott der Hochschulen ist nachvollziehbar, die VG WORT muss verhandeln.

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  2. Dirk Antworten

    Vielleicht ist es so tatsächlich möglich etwas in Richtung OER zu verbessern. Gerade Hochschulen, Unis und Ministerien haben sich hier bisher oft dezent zurückgehalten. Deshalb sehe ich die jetzige Thematik sehr positiv. Der Sinn von OER und evtl. auch von Zusammenarbeit (Träume sind ja noch erlaubt) könnte dadurch mehr ins Beswusstsein rücken.
    Mit unserem Wissensmanagement-MOOC: https://mooin.oncampus.de/wmooc und der parallel entstehenden OER-Site https://wissensmanagement.open-academy.com sind wir noch auf recht taube Ohren hinsichtlich der Unterstützung von Ministerien (Ländern + Bund) sowie der Hochschulen und Lehrstühle gestoßen.
    Deshalb denke ich, das Jammern setzt am falschen Punkt an. Nicht die VG-Wort und der Hochschulrahmenvertrag sind das Problem, sondern die mangelnde Beschäftigung der Unis mit Alternativen, welche das Problem schon seit vielen Jahren lösen könnten.
    Das Gleiche gilt für die Engstirnigkeit von Ministerien, die Investitionen in Digitalisierung oft unsinnig hoch fördern, aber das Thema der Inhalte und entsprechender nachhaltiger Initiativen dabei ausblenden.
    Ich hoffe, die VG Wort knickt nicht noch weiter vor der HRK ein. Sie sind schon genügend entgegen gekommen. Alternativen gibt es und Unis können doch nicht immer erwarten, alles geschenkt zu bekommen, vom Steuergeld bis zu den Inhalten von Autoren, die davon leben müssen.
    Entweder OER oder Lizenzgebühren oder LMS abschalten, sind ausreichende Optionen, das Gegenteil von „alternativlos“ ;-).
    Eine frohe Adventszeit

    PS: Text nicht zu wörtlich nehmen, aber den Kern überdenken

  3. Jörg Hafer Antworten

    Lieber Dirk,

    vielen Dank für Deinen Beitrag. Ich möchte jedoch auf ein, zwei Punkte nochmal eingehen. Auch wenn der Hinweis auf OER naheliegt, meine ich, dass wir die Themen auseinanderhalten sollten. Einerseits geht es um die Nutzung von digitalisierten wissenschaftlichen Texten und Quellen für Bildung und Forschung. Auf der anderen Seite geht es um die Erarbeitung und Verfügbarmachung didaktisch strukturierter Arbeitsmaterialien und anderen Inhaltsformaten. Daher greift die Phantasie “Restriktion digitalisierter Texte führt zu mehr OER” meines Erachtens nach nicht. Es ist meiner Meinung nach auch nicht richtig, den Unis vorzuwerfen sie wollen “alles geschenkt” bekommen: Schließlich wird für die Zweitnutzung ja eine (pauschale) Vergütung bezahlt und dies stellt auch niemand in Frage. Schlussendlich verstehe ich die Alternative “LMS abschalten oder Lizenzen zahlen oder OER” gar nicht und auch dann nicht, wenn ich sie “im Kern überdenke”: Richtig wäre doch den OER-Gedanken zu stärken und z.B. über neue Wertschöpfungsmodelle für AutorInnen und Rechteinhaber nachzudenken.

    Viele Grüße und
    frohe Feiertage!

    Jörg Hafer

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